Kolumbien – FUNDAEC 2019

Diesen Sommer hat unsere Mitarbeiterin Anna die Organisation FUNDAEC in Kolumbien besucht, deren Projekte von TwoWings schon seit Jahren unterstützt werden. Im Zuge dieses Besuches war es ihr möglich, Land, Kultur und die Bildungsprogramme besser kennenzulernen. Die Beziehung zwischen TwoWings und FUNDAEC konnte vertieft und neue Einsichten gewonnen werden.

Sie haben das Projekt FUNDAEC in Kolumbien diesen Sommer besucht. Welche ersten Eindrücke konnten Sie von dem Land gewinnen?

Es hat die Klischees bedient, die man so von Kolumbien im Kopf hat. Noch bevor ich überhaupt ganz angekommen war, hatte ich schon etliche ausführliche Gespräche mit Fremden, die stets bemüht waren mir zu helfen oder Informationen über das Land zu geben, so dass mein Aufenthalt dort so angenehm wie möglich werden würde. Diese Art der überschwänglichen Herzlichkeit gegenüber Fremden bin ich als Europäerin nicht ganz gewöhnt. Aber es ging die ganze Zeit so weiter, die Gastfreundschaft ist beispiellos. Ich habe Samba tanzen in einem Wohnzimmer gelernt und jeden Tag etwas Neues erfahren.

Nun konzentrieren sich die Projekte von FUNDAEC meist auf die ländlichen Gebiete, weitab von Ballungszentren. Wie gestaltete sich die Anreise?

Abenteuerlich. Um von der Stadt Cali in die umliegenden Dörfer zu kommen sind wir meistens mit einer speziellen Art von Taxi gefahren. Diese speziellen Taxifahrer nennen sich selbst Piraten, weil sie sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen, aber sie sind oftmals die einzige Möglichkeit von A nach B zu kommen. Auf jeden Fall lautet meine Empfehlung, falls jemand auf der Suche nach einem Adrenalinschub ist, steigt in eines dieser Piratentaxis! Meistens ist man nicht allein, sondern es werden auch noch andere Menschen mitgenommen, die in die gleiche Richtung müssen. Verkehrsregeln verlieren bei so einer Fahrt schnell ihre Gültigkeit und man hat dieses Gefühl, dass man sonst nur bei einer Achterbahnfahrt hat!

Was unterscheidet die ländlichen Gebiete von dem was wir hier so kennen?

Nun es gibt meist keine befestigten Straßen und die Gebäude sehen behelfsmäßig aus. Verglaste Fenster sind eine Seltenheit, was aber auf Grund des warmen Klimas in Ordnung ist. Alles ist sehr offen gebaut, aber die fehlende Infrastruktur ist nur allzu offensichtlich. Ich war in Gegenden, in welchen der Zugang zu Trinkwasser eine Herausforderung darstellt, weswegen auch Krankheiten unter der Bevölkerung sehr verbreitet sind. Etwas, dass ich mir, obwohl ich dort war immer noch schwer vorstellen kann!

Nun aber zu den Projekten von FUNDAEC. Wie kann man sich das Leben eines FUNDAEC-Studierenden vorstellen? Wie sind die Lehrmethoden, Tagesabläufe?

Prinzipiell hat FUNDAEC viele Programme ins Leben gerufen, von Schulen über Bevölkerungsnahe Projekte zum Thema Umweltschutz. Aber an dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf ein Programm eingehen und zwar das „Supporting Community Leaders Programm“. Dieses Programm unterstützt meist junge Menschen dabei, Verantwortung über ihre Ausbildung, ihre Gemeinde, ihre Familien und ihre Nachbarschaften zu übernehmen. Es wird Wissen vermittelt, aber nicht nur das, sondern parallel dazu die Fähigkeiten dieses Wissen anzuwenden und weiterzugeben. Es ist fixer Bestandteil dieser Ausbildung soziale Projekte in ihren jeweiligen Nachbarschaften zu starten und immer mehr Menschen in einen Prozess zu involvieren, bei dem sie aktiv am Fortschritt der Gemeinden arbeiten. Die Studenten selbst werden bei ihrem Einstieg ins Berufsleben begleitet und finden vielerlei Unterstützung bei ihren Projekten. Theorie und Praxis werden als voneinander abhängig betrachtet und nicht als zwei getrennte Bereiche der Wissensvermittlung.

Funktioniert lernen so wie in Europa, wo Wissensvermittlung noch vielfach durch Frontalunterricht erfolgt?

Wie ich gerade eben schon angesprochen habe: Nein. Die Studenten sind aufgefordert, Eigenverantwortung für ihren Lernfortschritt zu übernehmen. Die Klassen bestehen aus Gruppen, die versuchen gemeinsam ein Verständnis für die Materialen von FUNDAEC zu erlangen. Sie werden geführt von ein oder zwei Tutoren, die als Moderatoren fungieren und dafür zuständig sind ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jeder ermutigt fühlt seine Gedanken zu teilen und wo Rücksicht auf alle genommen wird. Und wie ich auch schon erwähnt habe, ist Handeln ein essentieller Bestandteil der Ausbildung. Basierend auf der Theorie werden Aufklärungskampagnen über Gesundheit oder Umwelt geführt. Viele der Teilnehmer haben in ihren Nachbarschaften Klassen mit Kindern oder jüngeren Jugendlichen, denen sie versuchen Wissen weiterzugeben, um wiederum soziale Projekte zu starten. Diese Projekte können sehr unterschiedlich sein. Je nachdem welchen Bedarf eine Nachbarschaft hat oder was den Fähigkeiten der Teilnehmer entspricht. Somit ist diese Art der Bildung eng verbunden mit der einheimischen Bevölkerung und birgt eine Nachhaltigkeit, die mich zu tiefst beeindruckt hat.

Jetzt nochmal kurz zu einem allgemeineren Thema. Reisen in Kolumbien kann gefährlich sein, speziell alleine als Frau. Wie erlebten Sie die Sicherheitslage im Land?

Nun ja. Prinzipiell vermeide ich es in solchen Kategorien zu denken, weil es zu einem echten Hemmnis beim Reisen werden kann. Aber diesmal ist mir tatsächlich etwas Kurioses passiert. Ich wurde auf offener Straße, in einer als sicher geltenden Nachbarschaft, überfallen. Zwei junge Männer auf einem Motorrad haben neben mir angehalten, mich mit einem Messer bedroht und mir die Handtasche entrissen. Dann sind sie auf und davon. Aber der beste Teil kommt jetzt noch: Ein mutiger Bürger mit unglaublicher Zivilcourage hat die Verfolgung aufgenommen und mir meine Tasche auch tatsächlich wieder zurückgebracht. Es war noch ALLES drinnen. Es ist traurig zu sehen, zu welchen Taten Verzweiflung die Menschen treiben kann. Umso mehr bin ich davon überzeugt, dass die Art der Programme, die TwoWings in solchen Gegenden unterstützen darf, ein fantastischer Weg sind, damit sowas in Zukunft immer weniger passiert. Und es immer mehr Menschen gibt, die so handeln wie mein mutiger Retter!