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Frauenforum schenkt den Frauen Guatemalas ein neues Leben – Aufklärung und Alphabetisierung

Zur Schule gegangen ist Maria Peréz Sales nie. Ihre Mutter starb, als sie sieben Jahre alt war und nachdem sie das einzige Mädchen unter fünf Geschwistern war, musste sie den Haushalt übernehmen. Sie kochte, putzte und wusch die Wäsche, während ihr Vater bei der Arbeit war und ihre vier Brüder in der Schule lernten oder spielten. „Einmal war das Abendessen noch nicht fertig, als mein Vater von der Arbeit kam“, erzählt sie. „Er würde so wütend, dass er mich mit dem Gürtel schlug, bis ich Striemen auf der Haut hatte.“ Das Mädchen zog nach dem Vorfall zu den Eltern ihrer Mutter.


Lebensweg scheint vorgegeben
Dort hatte Maria es zwar besser, die Großeltern waren gut zu ihr. Aber auch sie haben Maria nicht in die Schule geschickt. Sie musste stattdessendie Schafe hüten. Die beschauliche Zeit dauerte sechs Jahre, dann folgten die Rückkehr in den Haushalt ihres Vaters, eine frühe Ehe voller Gewalt und von kurzer Dauer, Bürgerkrieg, Folter und die Flucht nach Mexiko. Mit 19 Jahren kehrt Maria Peréz Sales in ihre Heimatgemeinde San Ildefonso Ixtahuacán zurück, heiratet und adoptiert zwei Kinder. Sie will endlich lesen, schreiben und rechnen lernen. Jahre vergehen, ohne diesem Ziel näher zu kommen. So kann das Leben eines einfachen Mädchens in Guatemala aussehen.

Jahrtausendwende brachte Frauenrechte
Der Bürgerkrieg endete formell mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Jahr 1996. Dieser Vertrag sieht vor, dass in Guatemala ein nationales Frauenforum gegründet wird, das für die Umsetzung aller frauenspezifischen Inhalte der Friedensverträge verantwortlich ist, etwa die Alphabetisierung von Frauen und die Stärkung ihrer politischen und gesellschaftlichen Rechte. Das Frauenforum ADIMH, Asociación de Desarrollo Integral de Mujeres Huehuetecas (Verein zur umfassenden Förderung der Frauen von Huehuetenango) vertritt die Dachorganisation „Foro de la Mujer“, in der sich alle Frauenorganisationen der Zivilgesellschaft versammeln, um für die wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, sozialen und zivilen Rechte einzutreten.

Frauen lernen, sich einzusetzen

ADIMH hat Mitglieder in der ganzen Provinz Huehuetenango, denn der Verein hat in fast allen Gemeinden so genannte „coordinadoras municipales“ gegründet. Diese Frauenbüros dienen dem Dialog. Hier werden Vertreterinnen für den Gemeinderat gewählt. Sie lernen in Schulungen von ADIMH, wie sie die Anliegen der Frauen in politischen Institutionen erfolgreich durchsetzen könen, welche Gesetze es für Frauen gibt und welche Rechte allen Bürgerinnen und Bürgern von Guatemala zustehen. In jedem Gemeinderat Guatemalas ist per Gesetz ein Sitz für die Frauen reserviert. Dennoch ist es nicht immer leicht, dieses Recht durchzusetzen.

Gegenseitige Unterstützung

Wie schwierig es für Frauen war, eine eigene Gruppierung zu gründen und Anerkennung zu finden, erzählt Maria Felipa, eine Mitarbeiterin von ADIMH in der Gemeinde San Gaspar Ixchil: „Der Bürgermeister wollte – Gesetz hin oder her – von einer Teilnahme der Frauen an den politischen Entscheidungsprozessen in der Gemeinde nichts hören. Die Frauen hatten Angst, sich über die Meinung der Männer hinweg zu setzen. Durchsetzungsvermögen, Willensstärke und Hartnäckigkeit haben sich bewährt. Die Frauen haben sich in den Gruppen gegenseitig unterstützt und ermutigt und ihre Forderungen durchgesetzt. Heute gibt es eine Frauengruppe in San Gaspar Ixchil und auch eine Vertreterin im Gemeinderat.

Lesen und Schreiben als Basis

Was für die Frauen aber mindestens genauso wichtig ist wie eine politische Vertretung, ist die Fähigkeit, lesen, schreiben und rechnen zu können. 39 Prozent der Frauen sind Analphabetinnen. Das Projekt ADIMH bietet ein Alphabetisierungsprogramm an, denn Lesen und Schreiben sind wesentliche Voraussetzungen, um Arbeit zu erhalten. Manchmal findet der Unterricht in der Schule des jeweiligen Ortes statt, manchmal auch im Hinterhof eines Privathauses. Über Holzgerüste wird eine Plastikplane gespannt, um zumindest vor dem ärgsten Regen oder der glühenden Sonne geschützt zu sei. Maria Peréz Sales hat endlich ihren Wunsch realisiert: Sie hat im ADIMH-Schulungshaus in der Bezirkshauptstadt Huehuetenango den Anfängerkurs bereits abgeschlossen und bereitet sich für die nächste Stufe vor. Im politischen und gesellschaftlichen Leben ihrer Heimatgemeinde Sal Ildefonso Ixtahuacán spielt sie eine wichtige Rolle.

Neues Selbstbewusstsein hilft
Auch Felipa Carrillo hat bei ADIMH lesen, schreiben und rechnen gelernt. Die Schule haben sie und ihre Geschwister als Kinder schon nach einem Jahr abgebrochen, um für die Familie in einer Kaffeeplantage zu arbeiten. Auch heute ist ihr Leben nicht leicht. Die wirtschaftliche Situation in ihrer Heimatgemeinde Todo Santo Cuchumatan ist schwierig. Die Kaffeekrise hat die Umstände noch verschlimmert. Felipa Carrillo hat schon einige Kurse für Frauen besucht. Sie hat sich für eine weitere Alphabetisierungsgruppe stark gemacht und konnte auch in ihrem Dorf eine Neugründung bewirken.